Sitzen mit Fliege
Wenn eine Störung zur Lehrerin wird
Morgenmeditation.
Ich sitze im Garten auf meinem Kissen.
Hin und wieder rauscht ein Schwarm aufgeregt kreischender Mauersegler vorbei. Ansonsten ist es friedlich und still.
Was für ein wunderbarer Morgen.
Wenn nur sie nicht wäre: diese kleine Fliege.
Sie schwirrt nervös herum. Setzt sich immer wieder auf mich. Krabbelt hier. Krabbelt da. Fliegt kurz weg. Dann kommt sie zurück. Und nervt!
OK, denke ich mir. Kein Problem.
Und versuche, mich wieder auf das Atmen zu konzentrieren. Auf meine Meditationsübung.
Aber: Es ist schwierig. Immer wieder kommt sie zurück. Ganz unregelmäßig.
So ein kleines Tier. Und kann so gewaltig nerven!
Ich überlege kurz: Soll ich sie fangen? Soll ich sie töten? Das wäre die schnellste Lösung.
Aber Moment mal! Wie war das mit den Gelübden?
Es ist kurz nach sechs Uhr früh, ich will ‚nur‘ meditieren, und schon finde ich mich wieder inmitten eines Konflikts.
Ist die Fliege weg: Stille. Friede. Konzentration.
Ist sie da: Ärger. Wut. Hass.
Und jetzt fliegt sie mir sogar mitten ins Gesicht! Unverschämt!
Die Morgenmeditation habe ich mir anders vorgestellt. Statt auf Wolke 7 im Samadhi zu schweben kann ich mir jetzt selbst dabei zuschauen, wie Gefühle (»Wut«) und Gedanken (»Töten!«, »Nicht töten!«) auftauchen und sich gegenseitig aufschaukeln.
Und das alles wegen einer klitzekleinen Fliege!
Wer stört? Wie? Warum überhaupt?
Aber es ist nicht nur diese kleine Fliege. Es ist: die Störung an sich!
Ich werde gestört in meiner kostbaren Morgenmeditation!
Doch Moment: Was ist es genau, was ich da als Störung erlebe?
Ist es das Krabbeln auf der Haut? Die Unregelmäßigkeit der Anflüge? Mal an den Armen. Mal im Gesicht. Dann wieder lange Pausen dazwischen. Du glaubst schon, sie ist jetzt weg. Und dann ist sie doch wieder da!
Liegt es daran, dass ich eigentlich etwas anderes will, als der Fliege meine Aufmerksamkeit zu schenken?
Liegt es daran, dass die Fliege - gegen meinen Willen! - meine Aufmerksamkeit auf sich zieht?
Ah, ja: Langsam kommen wir der Sache näher.
Ich will etwas anderes, als was gerade ist.
Ich will nicht über die Fliege nachdenken.
Ich will mich nicht von ihr ablenken lassen.
Ich will mich auf meine Meditation konzentrieren. Auf meinen Atem. Auf meinen Körper.
Ich will meine Aufmerksamkeit dorthin legen, wohin ich sie legen will – und nicht dorthin, wohin so eine blöde, kleine Fliege sie auf sich zieht.
Ich will, ich will, ich will
Während ich noch darüber nachdenke, was der unerwünschte Besuch mit mir macht, merke ich irgendwann: Oh. Sie ist weg! Und zwar schon eine ganze Weile. Aber mein Geist ist immer noch mit ihr beschäftigt.
Aha.
Ich fange an, darüber nachzudenken: über den Umgang mit Störungen.
Wenn dich schon eine Fliege aus dem Gleichgewicht bringen kann, was machst du dann erst, wenn wirklich ein Problem auftaucht?
Ich gehe noch tiefer hinein.
Ich nehme die Situation mit der störenden Fliege noch einmal ganz in den Blick und schaue, was da für ein Gefühl auftaucht.
Wie fühlt sich diese Situation an? Insgesamt. Als Ganzes. Was macht die Störung durch eine kleine Fliege so schwer, so unangenehm?
Aber nun denke ich nicht mehr mit meinem Verstand über diese Frage nach, sondern ich spüre in mich hinein. In meinen Bauch. In meinen Brustraum. Ich stelle die Frage nicht an meinen Verstand, sondern – ganz wichtig! – an mein Spüren: Was sagst du dazu? Was macht den Besuch der kleinen Fliege so störend, so unangenehm?
Der Reihe nach kommt erst ein diffuses, unklares Gefühl.
Dann bekommt das Gefühl Konturen: Es ist das Ausgeliefertsein.
Schutzlosigkeit.
Dann mehr Worte, die das Gefühl beschreiben: Wehrlos sein. Wehrlosigkeit. Ohnmacht.
Oh ja, das ist es: Ohnmacht.
Ohnmächtiges Ausgeliefertsein.
Uralte Erinnerungen tauchen auf.
Ich bleibe beim Spüren. Und bemerke, dass sich da etwas Grundlegendes verschiebt: Die ganze Situation fühlt sich plötzlich anders an.
Zusammen mit dem Gefühl des Ausgeliefertseins taucht - paradoxerweise - ein Gefühl der Erleichterung auf. Der Klärung.
Plötzlich spüre ich, dass beides da sein darf.
Ja, die Fliege stört. Sie nervt. Aber was wirklich gestört hat, war diese alte, noch nicht richtig einsortierte Erinnerung. Das Gefühl von Wehrlosigkeit, Ohnmacht, Ausgeliefertsein. Das ist es, was da eigentlich durch die Fliege geweckt wurde. Jetzt hat es endlich einen Platz gefunden und darf da sein.
Die Fliege ist weg.
Ich bin bei mir.
Und nachträglich bin ich fast froh, dass sie mich besucht hat.
Falls du es selbst versuchen magst
Was mir an diesem Morgen zu Hilfe kam, hat eine einfache Gestalt. Sechs Schritte. Du bist sie in der Geschichte eben schon mitgegangen.
Hier ist die Landkarte dazu:
1. Innehalten. Absichtlich. Ein kurzes Time-out, eine bewusste Unterbrechung des gewöhnlichen Tuns.
2. Raum schaffen. Was taucht auf? Was will Aufmerksamkeit? Es darf mehreres sein – sammle es und leg es nebeneinander.
3. Ein bestimmtes Thema vertiefen. Was ist jetzt gerade am wichtigsten? Nicht denken, sondern spüren.
4. Einen “Griff” finden. Ein Wort, ein Bild, ein Symbol, mit dem du die ganze Situation, um die es geht, fassen kannst.
5. Das im Körper Gefühlte (“Felt Sense”) befragen – nicht den Verstand. Was ist so schwer daran? Warte, bis von innen eine Antwort kommt. Du erkennst sie an der Erleichterung, wenn der Punkt gefunden ist. Bleib dann noch ein bisschen dabei. Lass es nachklingen.
6. Die Klarheit ernten. Und danken.
Der fünfte Schritt ist das Herzstück. Dort geschah am Morgen die Wende.
Nimm diese Schritte als Einladung, als ein lockeres Angebot, nicht als Vorschrift. Mach es erst mal so. Und wenn es sich bei dir anders formen will, folge dem. Finde deine eigene Übersetzung davon, so, wie es für dich passt. Und wie gesagt: der springende Punkt ist, nicht ins Denken abzugleiten, sondern das Gefühl selbst zu befragen und dich von ihm beraten zu lassen.
Wenn du dabei nicht allein sein magst
Manchmal meldet sich beim Spüren etwas Altes, so wie an dem Morgen die alten Erinnerungen. Das ist kein Betriebsunfall, sondern ein Anzeichen dafür, dass die Praxis wirkt und dass du auf dem richtigen Weg bist.
Wenn du für diese Art des Sitzens und Spürens ein Gegenüber möchtest, jemanden, der zuhört, mitspürt und hin und wieder eine Frage stellt, dann frag einen Freund, eine Freundin. Wichtig: sie soll nur Fragen stellen und zuhören. Nichts kommentieren oder analysieren.
Wenn du willst, kannst du dich aber auch gerne bei mir melden. Solche Gespräche biete ich auf Dana-Basis an: du gibst, was dir möglich und stimmig erscheint.
Und zum Schluss noch eine tiefe Verbeugung: Diese Art des Spürens geht auf das Focusing des Philosophen Eugene Gendlin zurück. (Mehr zu Focusing findest du in diesem Posting.) Die Kombination von Zazen und Focusing finde ich sehr hilfreich. Dabei ist etwas Eigenes entstanden, das keinen Namen braucht.
Meine nächsten Termine
19. September 2026
”Zazenkai” in Zürich
bei der Unsui-Gruppe in der Gasometerstrasse.7.-11. Oktober 2026
”Anfängergeist-Sesshin” in Puregg
Alle Infos dazu findest du hier.19.-25. Oktober 2026
”Zen-Sesshin” am Felsentor
Alle Infos dazu findest du hier.24.-29. November 2026
”Zen-Praxistage” am Felsentor
Alle Infos dazu findest du hier.
Du bist herzlich willkommen.
Und wenn nicht: auch gut.





😅 danke!
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