Mühelose Mühe
Warum Fühlen manchmal schlauer ist als Denken. Über eine schöne Ergänzung zu unserer Sitzpraxis.
Zazen tut meiner Seele gut.
Aber: Zen ist keine Psychotherapie.
(Jedenfalls nicht im engeren Sinne.)
Trotzdem erhoffen sich viele, die sich auf den Zen-Weg machen, dass die Praxis helfen möge, seelisches Leiden zu verringern.
Bei mir war das nicht anders.
Aber, so habe ich nach und nach entdeckt:
Zen ist keine Heilsalbe.
Kein Pflaster auf einer schmerzenden Wunde.
Keine Schmerztablette.
Zen begnügt sich nämlich nicht damit, ein Symptom zu kurieren.
Zen geht tiefer.
Zen lädt uns ein herausfinden, was das Leiden überhaupt verursacht hat.
Nur: Manchmal sitzt man auf dem Kissen und denkt und denkt und denkt.
Die klassische Zen-Anweisung für diese Situation lautet:
Think not-thinking.
Denke das Nicht-Denken.
Das klingt wie ein Rätsel. Und es ist eines.
Denn, wie geht das: Nicht-Denken?
Eines Tages bin ich auf einen wertvollen Hinweis gestoßen, was damit gemeint sein könnte. Und zwar in einem Buch von Robert Aitken Roshi, einem der US-amerikanischen Zen-Pioniere.
Aitken empfiehlt jenen, die neben der Zen-Praxis auch Seelenarbeit machen möchten, eine Zen-kompatible Therapieform. Sie heißt Focusing.
Das hat mich neugierig gemacht.
Focusing wurde von Eugene Gendlin entwickelt, einem amerikanischen Philosophen mit österreichischen Wurzeln.
Gendlin untersuchte in den 1950er Jahren die Wirksamkeit von Psychotherapien. Und machte dabei eine verblüffende Entdeckung: Er fand heraus, dass der Erfolg einer Therapie weniger vom Therapeuten oder dessen Methode abhängt, als vielmehr vom Patienten selbst. Jene Menschen, die während der Therapie nicht nur mit dem Verstand dabei waren, sondern auch eine Verbindung zu ihrem inneren Fühlen herstellen konnten, profitierten am meisten.
Der zentrale Schlüssel ist für Gendlin das körperliche Spüren eines Problems, eines Konflikts, eines Themas, noch bevor es klare Worte findet. Solange es noch roh ist, unscharf. Präverbal. (Dieses diffuse Gefühl nennt Gendlin den Felt Sense.)
Der wesentliche Punkt ist also nicht: Was denkst du über dein Problem? Sondern: Wo in deinem Körper spürst du es? Und: Wie fühlt es sich an?
Und genau das macht einen riesigen Unterschied. Im einen Fall bist du distanzierter Betrachter eines Problems, das sich - scheinbar - außerhalb von dir befindet. Du machst das Problem also zu einem ‘Objekt’. Oder aber du erlaubst dem ‘Problem’ da zu sein. Du berührst es sanft. Du sprichst mit ihm. Du versuchst, es kennenzulernen und von ihm zu erfahren, was es braucht.
Und dann, noch eine wichtige Bewegung: Dranbleiben. Nicht gleich die erste schnelle Antwort nehmen. Sondern tiefer hinhorchen. Hineinspüren. Geduldig. Sanft. Dem Fühlen Zeit geben, dass es zeigen kann, was da tatsächlich Aufmerksamkeit braucht.
Vor kurzem saß ich in einem Meeting mit mehreren Personen.
Und: es war dicke Luft. Ganz schön dicke Luft. Zum Schneiden.
Ich selbst fand mich zwischen den Stühlen. Ich konnte irgendwie jeden einzelnen verstehen. Und doch gab es riesige Missverständnisse.
Egal, was gesagt wurde - selbst kleine, wohlgemeinte Bemerkungen führten dazu, dass sich der Konflikt weiter aufschaukelte.
Also habe ich begonnen, Focusing zu machen. Heimlich. Nur für mich. Um bei mir zu bleiben.
Ich habe geatmet. Und mich gefragt, ob ich mich spüren kann. Wie fühlt sich das, diese Situation, diese Spannung, dieser Konflikt an? Und zwar alles zusammen. Die ganze Situation, mit allen ihren Personen, den verschiedenen Blickwinkeln, der Geschichte. Mit dem ganzen Drumherum.
Es hat einen Moment gedauert, aber dann konnte ich etwas fühlen. Ganz zart. Ganz leise. Zunächst noch ohne Worte. Aber dann immer deutlicher.
Die Situation fühlte sich für mich an, wie an einer gefährlichen Straßenkreuzung.
Mir wurde klar: wenn ich jetzt nur nach links oder rechts schaue, selbst wenn ich schnell hin und her schaue, dann könnte ich etwas wichtiges übersehen. Also habe ich versucht, alles gleichzeitig zu sehen. Ich habe nirgends hingeschaut. Sondern überall hin. Hatte sozusagen ‘die ganze Kreuzung’ im Blick. Alle Richtungen. Ohne mich in einer einzigen Perspektive zu verlieren.
Plötzlich konnte ich das ganze Feld spüren. Alle Beteiligten. Die ganze Geschichte(n) dahinter. Das ganze Drama. Die vielen Missverständnisse. Die zahlreichen Verletzungen, Enttäuschung. Die Traurigkeit. Die Wut.
So sind wir Menschen.
All das passiert. Ohne böse Absicht.
Und es darf da sein.
Aber es ist weder nötig, es weiter anzufeuern noch es zu unterdrücken.
Und dieses Da-sein-Lassen fühlt sich gut an. Irgendwie mühelos. Ich musste nichts tun. Nur da sein. Inmitten des Strudels. Nicht distanziert, sondern Teil davon. Und trotzdem bei mir.
Mit 360-Grad-Aufmerksamkeit.
Und dann erinnerte ich mich: Ja genau. Dieses Gefühl kenne ich doch. Das fühlt sich ganz ähnlich an, wie das Sitzen auf dem Kissen. Nur dass ich jetzt nicht im Zendo auf dem Kissen saß. Ich saß in einem Raum voller Spannung. Und es funktionierte trotzdem.
Typisch Zen, dachte ich mir.
Think not-thinking.
Das Denken loslassen. Und mich stattdessen auf das bewusste und aufmerksame Erfühlen dieses Moments konzentrieren.
Ach ja. Noch was.
Falls du selbst eintauchen willst ins Focusing, es gibt da ein kleines aber empfehlenswertes Büchlein von Eugene Gendlin. Ein guter Startpunkt. Und eine schöne Ergänzung zu unserer Sitzpraxis.
Meine nächsten Termine
19. September 2026
”Zazenkai” in Zürich
bei der Unsui-Gruppe in der Gasometerstrasse.7.-11. Oktober 2026
”Anfängergeist-Sesshin” in Puregg
Alle Infos dazu findest du hier.19.-25. Oktober 2026
”Zen-Sesshin” am Felsentor
Alle Infos dazu findest du hier.24.-29. November 2026
”Zen-Praxistage” am Felsentor
Alle Infos dazu findest du hier.
Du bist herzlich willkommen.
Und wenn nicht: auch gut.




