Darf ich bitte etwas mit dir machen?
Sechs Schritte, um widerspenstige Texte zu lesen
Dieser Artikel war eigentlich für die kürzlich ins Leben gerufene Just Sitting-Studiengruppe gedacht. Ich wollte ihn als kleine Anleitung darüber verfassen, wie man sich Zen-Texten annähern kann.
Aber dann ist mir die Idee gekommen, dass das für alle interessant sein könnte, die gerade mit Anker & Segel unterwegs sind. Deshalb teile ich ihn hier.
Widerspenstige Texte lesen
Du kennst das sicher: Du hast ein gutes Buch vor dir. Und du nimmst dir vor, es wirklich gründlich zu lesen. Du willst es verstehen. (Und möglichst nicht gleich wieder alles vergessen, sobald du den Deckel schließt.)
Also markierst du dir Stellen, machst Notizen, versuchst vielleicht sogar die wesentlichen Kernaussagen herauszuarbeiten.
Möglicherweise hast du dafür sogar eine Methode (oder gar ein App! 😂): du formulierst Fragen, stellst Hypothesen auf, …
Das ist durchaus eine gute Art zu lesen. Für Sachbücher, Fachartikel, Businessliteratur. Für alles, wo du Wissen rausziehen willst.
Es gibt aber auch Texte, bei denen das nicht funktioniert. Texte, die sich vielleicht sogar dagegen wehren, wenn du ihnen so begegnest.
Texte, die du zu greifen versuchst. Aber dabei jedes Mal ins Leere greifst.
Wie ist das möglich?
Das liegt daran, dass es Texte gibt, die nicht wie ein Getränkeautomat funktionieren. Texte, die nicht wie eine Bedienungsanleitung gelesen werden wollen. Texte, bei denen es nicht um Wissen, sondern um Bewusstsein geht.
Solche Texte wollen nicht gelesen, sondern gehört und gefühlt werden. Wie ein guter Song.
Kein Stück Kuchen, sondern eine Einladung
Jedes Mal, wenn ich versuche, ein Zen-Buch zu lesen, merke ich, dass es mir irgendwie durch die Finger flutscht. Ich bemühe mich wirklich, zu verstehen, um was es da geht, aber am Schluss bin ich so schlau - oder verwirrt - wie zuvor.
Was noch verwirrender ist: Sobald ich aufhöre zu greifen, und anfange zuzuhören, öffnen sich etwas. Seltsam.
Ein konkretes Beispiel: Zen-Meister Dōgen (1200-1253) schrieb vor ziemlich genau achthundert Jahren einen Artikel über das Sitzen in Stille (→ Fukanzazengi). Aber es ist keine klassische Meditationsanleitung. Dōgen vermittelt keine ‘Technik’. Das Sitzen ist für ihn nicht der Weg zu einem Ziel, sondern etwas, das bereits in sich vollständig ist, so wie es ist.
Wenn du versuchst, diesen Gedanken zu verstehen, zu greifen, ihn in ein Stück Wissen zu verwandeln, das du in die Tasche stecken kannst, oder als Wandernadel auf deinen Hut, dann ist er dir schon wieder entglitten.
Weg ist die Klarheit. Futsch. Du stehst wieder mit leeren Händen da.
Das ist aber kein Mangel des Textes. Im Gegenteil. Das passiert, wenn du ihn benutzen willst. Und dabei übersiehst, dass er kein Stück Kuchen ist, das du in dich reinstopfen kannst. Sondern eine Einladung.
Es gibt nämlich einen gravierenden Unterschied zwischen einem Text, der dir etwas mitteilen will, und einem Text, der etwas mit dir machen will.
Sachbücher gehören zur ersten Kategorie.
Zen-Texte - und überhaupt viele poetische, spirituelle, kontemplative Texte - gehören zur zweiten. Sie wollen nicht nur verstanden werden. Sie wollen dich berühren. Sie wollen, dass du sie spürst.
Eine andere Art zu lesen: Sechs Schritte
Hier nun also eine kleine Anleitung in sechs Schritten.
Aber statt zu versuchen, aus dem Text etwas zu machen, nimm dir bitte ausnahmsweise mal vor - und lass es zu! -, dass der Text etwas mit dir macht.
Schritt 1: Anhalten Bevor du den Text öffnest – halte ganz kurz inne. Spüre dich. Deinen Atem. Deinen Körper. Du musst jetzt nirgendwohin. Du musst auch nichts verstehen. Lass die Frage los: Was will ich hier herausfinden? Stell dir stattdessen lieber die Frage: Was will mir dieser Text zeigen? Was will er mit mir machen?
Schritt 2: Lesen wie Zuhören Lies langsam. So, als würde dir jemand etwas erzählen – jemand, der sehr alt ist und sehr geduldig. Du musst nicht alles verstehen. Lies, bis ein Wort oder ein Satz dich berührt, dich irritiert oder dich anhalten lässt. Dann: Stopp.
Schritt 3: Bei diesem Satz bleiben Lies diesen einen Satz noch einmal. Und noch einmal. Nicht mit dem Kopf – mit dem ganzen Körper. Lass ihn auf dich einwirken. Wo spürst du ihn? Was löst er in dir aus? Nicht analysieren. Einfach da sein mit dem, was da gerade auftaucht.
Schritt 4: Stille Leg jetzt den Text kurz weg. Schließ die Augen. Lass den Satz in dir nachklingen - wie eine Glocke, die angeschlagen wurde. Was hallt da nach? Kommt etwas in Resonanz in dir? Diese Stille danach ist genauso wichtig wie der Klang.
Schritt 5: Notieren – aber anders Wenn nun etwas auftaucht - ein Bild, ein Gefühl, eine Erinnerung, eine Frage: schreib oder zeichne es auf. Nicht als Zusammenfassung. Nicht als Erkenntnis. Eher wie ein Traum, den du vorsichtig und sanft festhalten willst, bevor er verblasst.
Schritt 6: Weitertragen Nimm dieses Wort, diesen Satz oder dieses Bild mit in den Tag. Nicht als Aufgabe. Sondern als Begleiter. Schau, ob er sich wieder meldet - beim Spazierengehen, in einer Begegnung, in einem stillen Moment zwischen zwei Erledigungen.
Zwei Arten des Lesens – und warum wir beide brauchen
Zielorientiertes Lesen, Fragen formulieren, Antworten suchen … das ist alles wichtig und wertvoll.
Was ich hier beschreibe, ist nicht besser. Es ist anders.
Es ist eine Anleitung für das Lesen von Texten, die keine Antworten geben wollen.
Stattdessen können sie neue Räume eröffnen. Sie wollen dich nicht klüger machen, sondern stiller. Sie wollen nicht deinen Kopf füllen, sondern den Raum weiter machen. Und vor allem: dein Herz berühren.
Du merkst selbst, welcher Text welche Art des Lesens verlangt. Ein gutes Zeichen für den kontemplativen Zugang: Wenn du nach dem Lesen nicht mehr weißt als vorher - aber dich anders fühlst.
Kleine Einladung zur Praxis: Ein Text, ein Satz, ein Tag
Wenn du magst, dann such dir diese Woche einen Text, der dich auf diese andere Weise anspricht. Das muss kein Zen-Text sein. Es kann ein Gedicht sein, ein Psalm, ein Absatz aus einem Buch, der dich einmal berührt hat. Vielleicht sogar ein einzelner Satz, den du irgendwo aufgeschnappt hast.
Und dann: Lies ihn mit den sechs Schritten. Ohne Eile. Ohne Ziel.
Schau, was passiert, wenn du aufhörst, den Text zu lesen – und anfängst, ihm zuzuhören.
Nachklang
Zum Schluss noch - als Essenz - eine leichte Abwandlung des berühmten Dōgen-Spruchs, den wir alle schon oft gehört und gelesen haben:
Einen Text studieren heißt,
sich selbst studieren.Sich selbst studieren heißt,
sich selbst vergessen.Sich selbst vergessen heißt,
von allen Dingen erweckt zu werden.
Meine nächsten Termine
26. Februar 2026, 19.00 Uhr
Vortrag in Bern (Zentrum für Buddhismus):
”Warum ich trotzdem gut drauf bin”
Von der Kunst, auch in unsicheren Zeiten
Zuversicht und Optimismus zu bewahren11.-15. März 2026
Sesshin in Puregg
“Wege aus dem Hamsterrad”
Alle Infos dazu findest du hier.7.-12. April 2026
”Praxistage am Felsentor”
Alle Infos dazu findest du hier.
Du bist herzlich willkommen.
Und wenn nicht: auch gut.


