Woher kommst du? Wohin gehst du?
Über die Heldenreise unseres Lebens
Vor vielen, vielen Jahren war ich mit zwei guten Freunden in Indonesien unterwegs. Wir hatten uns Fahrräder ausgeliehen und radelten durch das Land, was oft gar nicht so einfach war. Einerseits wegen der Vulkane (stetiger Anstieg!), andererseits weil unsere Räder keine Gänge hatten. Wenn es zu lange aufwärts ging, mussten wir absteigen und schieben.
Das war dann aber immer eine tolle Gelegenheit, um mit den Menschen vor Ort ins Gespräch zu kommen. Vor allem mit den Kindern. Und sie halfen uns, rasch und unkompliziert ihre Sprache zu lernen: Bahasa Indonesia.
Die Kinder lachten sich tot, dass wir weisse Westler nicht einmal richtig zählen konnten!
Was uns dabei immer wieder verblüffte, war der Ablauf dieser Gespräche, der sich beständig wiederholte. Es waren nämlich immer dieselben Fragen, die uns gestellt wurden. Ganz egal, wo wir hingekommen sind. Ganz egal, ob es Kinder oder Erwachsene waren. Sie wollten alle vor allem eines wissen:
Dari mana? Ke mana?
Das heißt nichts anderes als: Woher kommst du? Wohin gehst du?
Diese Fragen waren wie ein Spiel. Eine ganz natürliche, unbefangene Art, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Um in Beziehung zu treten.
Es ging den Menschen nicht darum, uns etwas zu verkaufen. Sie waren an uns interessiert. Wir waren Fremde. Und sie waren neugierig. Und diese Fragen waren ihre Art, um das Neue, Unbekannte spielerisch zu berühren.
Und gleichzeitig sind diese Fragen auch eine Möglichkeit, dich selbst zu verorten: Indem ich von dir höre, auf welcher Reise du bist, kann ich auch für mich selbst eine Standortbestimmung durchführen. Wer bist du? Wer bin ich? Wo sind wir uns ähnlich? Und wo unterscheiden wir uns?
Bruder David Steindl-Rast würde sagen:
»Durch dich bin ich so ich.«
Es machte großen Eindruck auf mich, wie scheinbar einfache Fragen uns in die Tiefe führen können. In die Tiefe der Beziehung zwischen uns. Aber auch in die Tiefe der Beziehung zu mir selbst.
Was mir damals noch auffiel waren diese zwei scheinbar gegensätzlichen Bewegungen in uns, die man beobachten kann: Die Sehnsucht nach dem Fremden, Unbekannten, Unerforschten. Und die Sehnsucht nach Heimat, Zugehörigkeit und Geborgenheit.
Es scheint in uns angelegt zu sein, dass wir zwischen beidem ständig oszillieren. Sind wir zuhause, wollen wir weg. Sind wir weg, wollen wir nach Hause.
Vielleicht sind das aber gar nicht wirklich Gegensätze. Vielleicht gehört beides zusammen. Vielleicht bedingen sich beide Bewegungen gegenseitig.
Wenn wir uns sicher fühlen, dann wollen wir hinausgehen und die Welt erforschen. Und wenn wir genug vom Forschen und Entdecken haben, wenn uns langsam die Kräfte verlassen, wenn wir beginnen, auseinander zu fallen, dann kehren wir gerne wieder zurück in die Geborgenheit.
Hokusais berühmte Welle bringt für mich diese Bewegung perfekt zum Ausdruck. Wir stemmen uns - wie eine Welle - aus dem Ozean der Verbundenheit heraus und gegen die Schwerkraft. Erheben uns nach oben, um uns schliesslich, irgendwann, zu brechen und in schäumende Tropfen und Bläschen zu verwandeln und wieder im grossen Ozean aufzugehen. Bis wieder eine neue Welle entsteht.
Die Welle als Metapher für die Heldenreise unseres Lebens.
Je weiter wir uns aus dem Ozean hinaus bewegen, je individueller, einzigartiger wir werden, umso einsamer wird es. Umso grösser wird das Leiden an dieser Einsamkeit, an der Trennung von unserem Zuhause. Wir heben uns zwar ab mit unserer Individualität und Einzigartigkeit, aber gleichzeitig nimmt unsere Verwundbarkeit zu. Vergänglichkeit und Wandel nagen unablässig an uns. Wir spüren: wir kommen an eine Grenze.
Jetzt kommt die Praxis ins Spiel: Indem wir innehalten, uns dieser Grenze stellen und genau hineinhorchen, können wir versuchen herauszufinden, was uns das Leben lehren will. Was es uns mitteilen will.
Jetzt haben wir die Chance, nicht nur unseren eigenen Willen kennenzulernen, sondern auch den Willen des Universums. Was will geschehen - ganz unabhängig von meinen persönlichen Vorlieben und Präferenzen? Welcher grössere Wille ist da am Werk? Und was wäre, wenn ich mich nicht gegen ihn stelle, sondern lerne, ihn anzunehmen und mit ihm zu fliessen?
So wird die Kombination von Leiden und Praxis zur Alchemie: Indem wir diese beiden Pole miteinander verbinden - dem Erkunden der Welt und die Rückkehr nach Hause - kann etwas Tiefes, Kostbares entstehen: Wir können erfahren, wer wir wirklich sind.
In meinem Streben nach Individualität kann ich meine Einzigartigkeit zum Ausdruck bringen. Und werde dabei höchstwahrscheinlich an Grenzen stoßen und auch Getrenntheit, Isolation und Einsamkeit begegnen.
Umgekehrt: In meinem Streben nach Verbundenheit kann ich Einheit und Zugehörigkeit erfahren. Aber auch das kann irgendwann langweilig werden. Und die Sehnsucht wecken, wieder aufzubrechen, um Grenzen auszuloten.
Zazen ist ein eleganter Weg, um diese beiden Pole zusammenzubringen. Sie beide nebeneinander stehen zu lassen. Sie beide da sein zu lassen. Expansion und Kontraktion. Teil und Ganzes.
Und die Heldenreise, die wir sowohl individuell als auch kollektiv machen, ist ein Aufbrechen und in die Welt Hinausgehen, um Erfahrungen zu machen, Abenteuer zu bestehen. Um schliesslich - geläutert - wieder zurückzukehren.
Versöhnt, dankbar, erschöpft, bescheiden, beschenkt und hoffentlich im inneren Frieden mit mir und der Welt.
Meine nächsten Termine
19. September 2026
”Zazenkai” in Zürich
bei der Unsui-Gruppe in der Gasometerstrasse.7.-11. Oktober 2026
”Anfängergeist-Sesshin” in Puregg
Alles Infos dazu findest du hier.
Du bist herzlich willkommen.
Und wenn nicht: auch gut.



