Wo stehe ich gerade im Leben?
Was mir heute ein paar Kühe am Strand zugeflüstert haben
Seltsam.
Diese ersten Tage des Jahres fühlen sich für mich nach Abschied an.
Der Abschied von Indien, das ich in den letzten Wochen bereist und lieb gewonnen habe.
Zuerst Kerala.
Ankommen.
Eintauchen in eine andere Kultur – mit viel Öl, Massagen und Ayurveda.
Dann der Höhepunkt: Tamil Nadu.
Tiruvannamalai.
Im Ramana Maharshi-Ashram.
Tiefe.
Verlangsamung.
Eine wundersame Begegnung mit einer anderen Dimension.
Der Rundgang um den Arunachala-Berg,
der mich den Herzschlag von Indien, von Shiva
und dieser ganzen Region spüren ließ.
Dann, heute, der Beginn der Rückreise.
Noch ein, zwei Tage am Meer, in Mahabalipuram.
Eigentlich nur als kurze Zwischenetappe gedacht,
bevor ich in den Flieger steige.
Und dann: wieder eine wundersame Begegnung.
Kurz nach meiner Ankunft mache ich einen spontanen
Strandspaziergang.
Tosende Brandung. Leere Strände. Erstaunlich sauber.
Ich gehe einfach los – und lande in einem Tempel am Meer.
Je näher ich komme, desto mehr sehe ich:
Mehrere ineinander verschachtelte Tempelgebäude.
Und rundherum: lauter Kühe.
Genauer gesagt: Nandis.
Viele Nandis. Alle aus Stein.
Rund um den Tempel angeordnet.
Die Anlage ist etwa 1300 Jahre alt.
Und sie steht an einem ungewöhnlichen Ort.
Normalerweise sind Tempel erhöht platziert.
Geschützt. Im Landesinneren.
Dieser hier steht direkt am Meer.
Im salzigen Wind.
Man könnte auch sagen: mitten im Leben.
Mitten im Werden und Vergehen.
Das Meer ist in der indischen Kosmologie kein romantischer Ort.
Es steht für Chaos. Unordnung.
Unberechenbarkeit. Grenzauflösung.
Und dieser Shiva-Tempel
setzt ein klares, ungewöhnliches Statement.
Er steht nicht für Romantik oder Sonnenuntergangsidylle.
Er sagt vielmehr:
Ich stehe hier, wo nichts sicher ist.
Er schreckt nicht zurück vor Chaos und Auflösung.
Er bekennt sich sogar dazu.
Sagt Ja – und bleibt.
Die Nandis verstärken diese Botschaft noch.
Wie sie rund um den Tempel liegen, ist kein Trotz.
Kein Widerstand.
Kein Kampf.
Sondern: Beziehung.
Wie jemand, der gelernt hat, im Sturm zu stehen,
ohne dabei hart zu werden.
Ganz sanft, weich und freundlich liegen sie da.

Und unwillkürlich drängt sich mir eine Frage auf:
Wo stehe ich gerade im Leben?
An welcher Küste?
Ich merke: Auch ich befinde mich an einer Schwelle.
Ich bin am Übergang vom Berufsleben in die Pension.
Und ich spüre, wie die Brandung des Lebens
ihre Spuren hinterlassen hat.
Meine Haare werden weniger.
Die Falten werden mehr.
Die Kraft lässt nach.
Die Energie auch.
So vieles lässt nach.
Und ja: ich sehe mich ein wenig in diesen Nandis.
In den bröckelnden Skulpturen. In diesem Tempel.
Ich kann zusehen, wie meine Konturen
vom Wind und vom Wetter gezeichnet wurden
und langsam weicher werden.
Und weißt du was?
Seltsamerweise stört mich das gar nicht mal so besonders.
Ich habe das Gefühl, diese Reise hat mir geholfen,
hier, an dieser Schwelle zu stehen –
in diesem Zwischenraum –
und einfach dort zu bleiben.
Es anzunehmen.
Dass nichts sicher ist.
Dass alles vergeht.
Und trotzdem:
da bleiben.
In Beziehung bleiben.
Ohne hart zu werden.
Bereit.
Ohne Erwartung.
Offen.
Ohne Neugier.
Da.
Ohne Absicht.
Freundschaftlich
gegenüber dem Ungewissen.
Ich bin hier.




Danke!!! Hat mich sehr berührt!!!
Es tut gut dir zuzuhören. Danke *