Wenn das Weltbild Risse bekommt
Was das Unbequeme uns zeigen will
Es gibt etwas, das wir alle kennen. Und vor dem wir uns alle fürchten: dass uns das Leben entgleitet. Dass es macht, was es will. Ohne uns zu fragen.
Etwas geschieht – eine Nachricht, eine Begegnung, eine Krankheit, ein Verlust, manchmal nur ein unerwarteter Satz – und in genau diesem Moment spüren wir, wie die gewohnte Ordnung aus dem Takt gerät.
Wir sind sprachlos. Es wird eng. Wir versuchen, uns zu wehren.
Oft greifen wir dann reflexartig nach etwas, das die alte Stabilität zurückbringen soll. Eine Erklärung. Eine Tätigkeit. Ein Trost. Denn: die Lücke ist nur schwer zu ertragen, und wir wollen sie möglichst rasch wieder schließen.
Ich möchte heute einer Vermutung nachgehen, die mich seit längerem beschäftigt. Könnte es sein, dass diese unbequemen Augenblicke nicht Störungen sind, sondern Einladungen. Kostbare Einladungen, auf die wir – vielleicht ohne es zu wissen – schon lange gewartet haben.
Eine Einladung, um eine Abzweigung zu nehmen, statt weiter den alten, ausgetretenen Wegen der Gewohnheit zu folgen.
Wie wir zu dem wurden, der wir zu sein glauben
Du und ich, wir sind irgendwann einmal in eine ganz bestimmte Situation hineingeboren worden: Hinein in eine Familie, eine Zeit, ein Land, eine Kultur. All das war schon da, lange bevor du irgendetwas dazu sagen konntest.
Und darin hast du dann Erfahrungen gemacht. Erste Blicke, erste Töne, erste Zuwendungen (oder ihr Ausbleiben). Später die tausend kleinen Begegnungen, die ein Kind formen.
Diese Erfahrungen waren zunächst einfach da. Ein ungeordneter Strom von Eindrücken und Empfindungen, denen wir plötzlich ausgesetzt waren.
Aber wir Menschen können mit purem Chaos schlecht leben. Wir wollen verstehen. Wir wollen, dass unser Erleben einen Sinn ergibt.
Und so haben wir, irgendwann, angefangen, unsere Erfahrungen und Eindrücke zu interpretieren. Sie zu deuten. Wir suchten Muster. Wir zogen Schlüsse:
Die Welt ist sicher. Die Welt ist unsicher. Ich bin willkommen. Ich bin nicht willkommen. Anstrengung lohnt sich. Anstrengung lohnt sich nicht. Ich werde geliebt. Ich bin unerwünscht. Wenn ich um Hilfe rufe, kommt jemand. Wenn ich Hilfe brauche, bin ich auf mich allein gestellt. Ich kann anderen trauen. Ich darf niemandem vertrauen. Ich darf so sein, wie ich bin. Ich muss so sein, wie es von mir erwartet wird. Ich kann mich zeigen. Ich muss mich verstecken …
Diese frühen Deutungen sind nicht bewusst entstanden. Kein Kind setzt sich hin und überlegt, was es hier gerade über die Welt lernt. Es geschieht unterhalb des Denkens, auf einer Ebene, die man später kaum noch erreicht.
Aus den Deutungen wurde mit der Zeit etwas, das sich wie ein solides, stabiles Fundament anfühlt: eine Identität. Ein Selbstbild. Ein Weltbild, auf dem wir nach und nach unser Sein aufbauen. Eine ganz bestimmte Art, die Dinge zu sehen, die für uns so selbstverständlich ist, dass wir sie gar nicht mehr als Sichtweise erkennen oder gar hinterfragen. Sie fühlt sich einfach an wie die Wirklichkeit selbst.
Ohne es zu merken werden wir zu dem, der wir zu sein glauben.
Das Weltbild und die Welt
So, wie eine Landkarte nicht die Landschaft ist, sondern nur ein Abbild, so ist auch unser Weltbild nicht die Welt.
Es ist bestenfalls eine Annäherung. Eine Skizze, gewonnen aus einer bestimmten Perspektive zu einem bestimmten Zeitpunkt. Eine sehr persönliche Landkarte, die wir mit uns herumtragen, als wäre sie das Gelände selbst.
Solange die Welt sich an unsere Landkarte hält, fällt uns das nicht auf. Das Weltbild bleibt unsichtbar, weil es scheinbar deckungsgleich ist mit dem, was wir erleben.
Aber das Leben hält sich nicht an unsere Landkarten. Früher oder später geschieht etwas, das nicht passt. Etwas, das unsere Erwartungen unterläuft, unsere Kategorien sprengt, unsere gewohnten Reaktionen ins Leere laufen lässt. Ein Glitch in der Matrix.
Genau in diesem Moment wird die unsichtbare Brille, die wir tragen, für einen Augenblick sichtbar. Vorher konnten wir es nicht sehen, weil wir mittendrin waren. Jetzt, wo es Risse bekommt, erkennen wir zum ersten Mal, was sie ist: eine alte, liebgewonnene Konstruktion.
Und genau das ist die Chance, die uns das Chaos bringt.
Die gewohnte Reaktion – und eine andere Möglichkeit
Unsere gewohnte Reaktion ist uralt und verständlich: Wir spannen uns an. Wir halten fest. Wir fliehen. Wir leugnen. Wir rekonstruieren so schnell wie möglich das alte Bild. Oder wir bauen ein neues, das dem alten ähnelt. Die Irritation soll gefälligst verschwinden. Die alte, gewohnte Ordnung soll bitte so schnell wie möglich zurück.
Das ist menschlich. Und es hat uns lange geschützt.
Aber es gibt noch eine andere Möglichkeit. Eine, die schwerer ist. Aber fruchtbarer.
Wir können innehalten.
Wir können – für einen Atemzug, für eine Minute, für eine Weile – einfach genau dort bleiben, wo wir sind. Mit dem Unbequemen. Mit der Irritation.
Ohne sie sofort aufzulösen.
Eine kleine Praxis
Was ich hier beschreibe, ist keine Methode. Es ist eher eine Haltung, die man in vielen kleinen Momenten üben kann. Vier Gesten, die ineinandergreifen:
Innehalten. Wenn dich etwas aus der Bahn wirft, versuche, nicht sofort zu reagieren. Stehenzubleiben, für einen Moment. Da bleiben. Das allein ist schon eine Praxis.
Hinspüren. Was geschieht da gerade? Wo im Körper spürst du es? Wie fühlt es sich an? Keine Analyse. Kein: “Wie kriege ich das weg?” Einfaches Wahrnehmen und Anerkennen.
Erkennen. Was wird hier gerade herausgefordert? Welches »so ist das halt« gerät ins Wanken? Oft reicht dieses Erkennen schon. Was vorher die Wirklichkeit selbst war, zeigt sich plötzlich als eine bestimmte Sicht auf die Wirklichkeit.
Aushalten. Das ist die schwerste dieser vier Gesten. Nach dem Erkennen kommt der Impuls, sofort eine neue Ordnung zu bauen. Die Lücke zu füllen. Die Einladung lautet: nicht sofort. Im Zwischenraum bleiben. Gerade nicht wissen, wer man ist. Gerade nicht wissen, wie die Welt ist.
Das ist der unbequeme Ort, an dem etwas Neues entstehen kann.
Auf dem Kissen
Auf dem Kissen üben wir genau das.
Wir lassen das gewohnte Tun los. Wir hören auf zu organisieren. Und sehr schnell kommt das, was wir sonst durch Aktivität in Schach halten: Unruhe, Gedankenströme, Gefühle, Erinnerungen, Chaos.
Die Versuchung ist riesig, sich davor zu retten – durch einen Plan, eine Analyse, eine neue Geschichte über uns selbst.
Die Praxis besteht darin, genau das nicht zu tun. Sondern zu sitzen. Einfach nur zu sitzen. Das Chaos nicht zu ordnen, sondern es da sein zu lassen.
Das, was ist, so sein lassen, wie es ist.
Das Kissen ist in diesem Sinne unser Übungs- und Trainingsraum. Es nimmt uns nach und nach die Werkzeuge weg, mit denen wir sonst unsere alten Weltbilder stabilisieren. Gespräch, Unterhaltung, Ablenkung, Beschäftigung, Bewegungsfreiheit – all das fällt weg. Was übrig bleibt, ist oft zunächst einmal unangenehm. Irritierend. Aber in diesem Unangenehmen öffnet sich manchmal, unerwartet, eine erstaunliche Weite, und eine Geistesgegenwart, die vorher nicht da war.
Das Unangenehme wird so zu unserem Lehrer. Zu unserer Lehrerin.
Eine schlichte Einladung
Jedes Mal, wenn etwas nicht passt, fragt das Leben uns leise: Wer bist du, wenn das, was du über dich glaubtest, nicht mehr stimmt?
Wir können die Frage überhören. Wir können sie wegdrücken. Wir können die alten Muster schnell wieder in Stellung bringen.
Oder wir können einen Atemzug lang bleiben. Und schauen.
Vielleicht ist das alles, was die Praxis von uns will.
Ring the bells that still can ring
Forget your perfect offering
There is a crack, a crack in everything
That’s how the light gets in.
- Leonard Cohen, Anthem
Meine nächsten Termine
19. September 2026
”Zazenkai” in Zürich
bei der Unsui-Gruppe in der Gasometerstrasse.7.-11. Oktober 2026
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Und wenn nicht: auch gut.



