Was du schon siehst, bevor du schaust
Die Macht der inneren Bilder
Vor einer Woche war ich noch auf Puregg.
Beim “Wege aus dem Hamsterrad”-Sesshin.
Zu meiner großen Freude habe ich dort eine alte Bekannte wiedergetroffen.
Wir haben uns wohl acht, neun Jahre nicht gesehen.
Sie erzählte mir, was sie jetzt so macht.
Und dabei kam unser Gespräch auf jemanden,
den ich noch nicht kannte: Émile Coué,
ein französischer Apotheker, der vor ca. 100 Jahren gelebt hat.
Coué hatte damals etwas sehr Verblüffendes beobachtet:
Die Wirkung eines Medikaments war deutlich besser,
wenn er es mit ermutigenden Worten überreichte:
“Das wird Ihnen gut helfen”,
anstatt es einfach nur so zu verkaufen.
Coué hat damals erkannt, dass es einen meist
übersehenen Faktor für die Heilung gab:
die Macht der Imagination.
Ein Medikament wirkt demnach deutlich besser,
wenn sich der Patient die Heilwirkung bildhaft vorstellt.
Der aufmerksame Apotheker begann, sich immer mehr für
die Kraft unserer inneren Bilder zu interessieren, und
wurde schließlich im Lauf der Jahre zum Pionier der Autosuggestion,
sowohl in Europa als auch in den USA.
Von ihm stammt auch der Satz, den wir alle kennen,
und der auf den ersten Blick reichlich banal klingt:
“Jeden Tag geht es mir in jeder Hinsicht immer besser und besser.”
Seine spannendste Entdeckung aber war etwas, das mich seitdem nicht mehr loslässt:
Wenn Wille und Vorstellungskraft miteinander in Konflikt geraten,
dann gewinnt: die Vorstellungskraft!
Immer.
Denk mal drüber nach!
Du willst vor Publikum ruhig und souverän sprechen.
Aber in deinem Kopf läuft ein Film: Ich werde mich blamieren.
Was passiert?
Du zitterst. Hast Lampenfieber.
Je mehr du dich zusammenreißt, desto schlimmer wird es.
Oder: du willst einschlafen.
Aber dein inneres Bild sagt: Ich werde wieder wach liegen.
Was passiert?
Genau das.
Der Wille ist zwar laut. Aber die Vorstellungskraft ist: stärker!
Was klopft da an der Tür?
Stell dir mal folgendes vor:
Du sitzt gemütlich zu Hause.
Da klopft es an der Tür.
Noch bevor du aufstehst,
noch bevor du weißt, wer da steht,
passiert schon etwas in dir.
Vielleicht freust du dich,
weil du Besuch erwartest.
Vielleicht zuckst du zusammen,
weil du Ärger befürchtest.
Vielleicht wirst du neugierig.
Vielleicht ärgerst du dich,
weil du gerade deine Ruhe haben wolltest.
Aber merkst du, was da gerade geschehen ist?
Noch bevor du siehst, wer wirklich vor der Tür steht,
hat schon ein inneres Bild - eine Erinnerung,
eine Erwartung, eine Befürchtung -
deine Reaktion bestimmt.
Du hast etwas gesehen, bevor du hingeschaut hast.
Das fasziniert mich so:
Wir glauben, wir reagieren auf die Welt.
Aber in Wahrheit regieren unsere inneren Bilder von der Welt.
Unser Selbstbild:
Ich bin nicht gut genug. Ich bin stark. Ich schaffe das nie.
Unser Weltbild:
Die Menschen sind im Grunde gut. Man kann niemandem trauen. Das Leben ist ein Kampf.
Diese Bilder sind wie unsichtbare Regisseure.
Oder eigentlich: unsichtbare Drehbuch-Autoren.
Sie sitzen im Dunkeln, hinter der Bühne,
und wir merken oft gar nicht,
dass sie das Stück schreiben, in dem wir mitspielen.
Und was hat das alles mit Zen zu tun?
Sehr viel.
Wenn wir Zazen üben und auf dem Kissen sitzen, in der Stille, dann versuchen wir ja nicht, uns etwas Schönes vorzustellen oder einzureden. Wir versuchen nicht, unsere Gedanken durch “bessere” Gedanken zu ersetzen.
Wir sitzen einfach da. Und schauen hin.
Wir beobachten, was kommt. Welche Bilder auftauchen. Welche Geschichten der Geist erzählt. Welche Filme er abspielt. Immer und immer wieder.
Und allein dieses Hinschauen - dieses freundliche, absichtslose
Bemerken und Bezeugen - verändert etwas.
Wir bekämpfen die Bilder nicht.
Aber wir hören auf, ihnen blind zu glauben.
Im Zen gibt es dafür kein Programm. Keine Formel. Keinen Satz, den man zwanzig Mal am Tag wiederholen muss.
Nur das stille Sitzen. Und die Bereitschaft, zu sehen, was ist.
Das ist vielleicht der feinste Unterschied:
Coué will die Imagination nutzen.
Zen will sie durchschauen.
Aber der Ausgangspunkt ist derselbe: Die Erkenntnis, dass unsere inneren Bilder eine enorme Macht haben. Und dass die meisten von uns diese Bilder nie wirklich angeschaut haben.
Eine kleine Einladung an dich für die kommende Woche:
Wenn es demnächst irgendwo klopft - an der Tür, am Telefon, in einer E-Mail, in einer Begegnung - dann halte doch mal kurz inne.
Nur einen Atemzug lang.
Und frag dich: Was sehe ich gerade - bevor ich hinschaue?
Nicht um etwas zu verändern.
Nur um es zu bemerken.
Das reicht.
Meine nächsten Termine
7.-12. April 2026
”Zen-Praxistage am Felsentor”
Alle Infos dazu findest du hier.19. September 2026
”Zazenkai” in Zürich
bei der Unsui-Gruppe in der Gasometerstrasse.7.-11. Oktober 2026
”Anfängergeist-Sesshin” in Puregg
Alles Infos dazu findest du hier.
Du bist herzlich willkommen.
Und wenn nicht: auch gut.



