Verflixt und zugenäht
Ein kurzer Nachruf auf Tomoe Katagiri (1932-2026)
Wenn ich an Tomoe denke, taucht zuerst etwas Körperliches auf: die kleine, zierliche Gestalt der Japanerin.
Und dann, gewissermaßen als Gegenstück dazu: großer Respekt. Denn diese auf den ersten Blick eher unscheinbare Frau war die wichtigste Vermittlerin, wenn es ums Nähen buddhistischer Gewänder wie Rakusu und Kesa im Westen geht. In dieser Hinsicht führt praktisch kein Weg an ihr vorbei.
Was für eine große kleine Frau!
Tomoe Katagiri ist vor Kurzem verstorben.
Das Verblüffende an ihrer Geschichte: Sie wollte ursprünglich gar nicht nähen! Im Gegenteil. Sie dachte, wenn sie das tun müsse, dann sei das schlechtes Karma.
Doch der Reihe nach.
Tomoe kam Anfang der 1960er Jahre, zusammen mit ihrem Mann, Dainin Katagiri, in die USA. Zunächst war er noch Priester in Los Angeles, wurde 1965 dann aber von Shunryu Suzuki ins San Francisco Zen Center geholt, das sich in einer rasanten Expansionsphase befand. Ursprünglich als Außenposten für die lokale japanische Gemeinde gedacht, wurde das Zen Center damals immer mehr von jungen Amerikanerinnen und Amerikanern frequentiert, die sich für Zen interessierten. Um diesen Ansturm zu bewältigen, brauchte Suzuki Hilfe. Nach Katagiri holte er sich 1967 dann auch noch den jungen Kobun Chino.
Mit den Jahren wurde der Wunsch immer drängender, auch das Nähen als Teil der Zen-Praxis weiterzugeben. Erst waren es noch Sitzkissen und Sitzmatten, die in Handarbeit hergestellt wurden. Je länger die Leute aber praktizierten und je größer die Verbindlichkeit der Praxis wurde, desto mehr Bedeutung bekam es, auch das Nähen von Rakusu und Kesa zu vermitteln. Doch damals gab es niemanden in den USA, der dazu in der Lage gewesen wäre.
Deshalb bat Dainin Katagiri seine Frau Tomoe, sich dieses Wissen anzueignen. Doch die war vom Vorschlag ihres Mannes alles andere als begeistert. Außerdem hatte sie mit ihren noch kleinen Kindern alle Hände voll zu tun.
Erst, als 1971 eine alte japanische Zen-Lehrerin und ausgewiesene Näh-Fachfrau für einen kurzen Besuch in die USA kam, war klar: Jetzt oder nie!
Und dann geschah das völlig Unerwartete: Tomoe entdeckte ihre Liebe zum Nähen! Je mehr sie sich damit beschäftigte, umso mehr verwandelte sich ihr Widerwille in Hingabe. Später verfasste sie eine eigene Näh-Anleitung – und dieses Buch ist heute der Goldstandard auf diesem Gebiet. Mehr oder weniger alle, die im Westen ein Rakusu oder eine Kesa nähen, tun es auf seiner Grundlage. (Die deutsche Übersetzung ist übrigens im Buchladen des Felsentor erhältlich.)
Dieselbe Frau, die anfangs das Nähen für schlechtes Karma hielt, wurde zur wichtigsten Botschafterin der Nähpraxis im Westen.
Tomoe ist 94 Jahre alt geworden.
Was wenige wissen: sie war mehrmals in der Schweiz und hat auch hier Näh-Sesshins gegeben. Aber davon erzähle ich vielleicht ein anderes Mal.
Meine nächsten Termine
19. September 2026
”Zazenkai” in Zürich
bei der Unsui-Gruppe in der Gasometerstrasse.7.-11. Oktober 2026
”Anfängergeist-Sesshin” in Puregg
Alle Infos dazu findest du hier.19.-25. Oktober 2026
”Zen-Sesshin” am Felsentor
Alle Infos dazu findest du hier.24.-29. November 2026
”Zen-Praxistage” am Felsentor
Alle Infos dazu findest du hier.
Du bist herzlich willkommen.
Und wenn nicht: auch gut.




